Abstand heisst Anstand: Mehr gegenseitiger Respekt auf der Strasse für alle
Respekt auf der Strasse: Auto überholt mit Abstand einen Gümmeler
Jede:r Velofahrer:in kennt diesen Moment: Ein Auto setzt zum Überholen an, du hörst es hinter dir, und plötzlich ist da kaum mehr als eine Armlänge zwischen dir und dem vorbei brausenden Fahrzeug. Der Luftdruck zieht am Lenker, der Lärm macht Angst. Du weisst erst im Nachhinein, ob es «nur» gefährlich war, oder ob es für dich schlimm ausgegangen ist. Für den Autolenkenden nur ein Hindernis, für dich eine (lebens-) gefährliche Situation. Und leider eine ganz alltägliche.
Und das zeigen auch die Zahlen. Internationale Forschungen zeigen, dass enges Überholen mit geringem seitlichen Abstand nicht nur objektiv riskanter ist, sondern auch deutlich zur subjektiven Unsicherheit der Radfahrenden beiträgt. In bis zu 38% aller Kollisionen sind enge Überholmanöver beteiligt. In mehreren europäischen Ländern ist deshalb klar geregelt, wie viel Platz ein Velo beim Überholen bekommen muss: 1.5 Meter innerorts, 2 Meter ausserorts. Eine konkrete Sicherheitsmassnahme, die für Velofahrende das Sicherheitsgefühl erheblich stärkt. Und weil Sicherheit auf dem Fahrrad ein Hauptfaktor ist, warum Menschen das Velo als Verkehrsmittel wählen (oder eben nicht), entscheidet eine Massnahme wie diese ganz konkret darüber, ob und wie viel Velo gefahren wird. In einer Messstudie in Deutschland mit an Fahrrädern montierten Sensoren zeigte sich, dass nur ca. 30% der überholenden Autos überhaupt den Mindestabstand von 1.5 Meter einhielten, selbst an Stellen, wo der Abstand erwartungsgemäss grösser sein sollte.
Gesetzgebung in der Schweiz
In der Schweiz steht im Gesetz lediglich, es müsse «genügend Abstand» eingehalten werden. Was genügend heisst, bleibt Auslegungssache. Und genau das führt im Alltag oft zu Situationen, die sich alles andere als sicher anfühlen.
Pro Velo Thurgau setzt sich in erster Linie für mehr Sicherheit für Radfahrende ein. Ob durch eine klare gesetzliche Regelung oder durch konsequente Sensibilisierung. Entscheidend ist, dass Menschen auf dem Velo oder zu Fuss geschützt werden. Ein definierter Mindestabstand würde Klarheit schaffen.
Spanien als gutes Vorbild
In Spanien ist die Situation beim Überholen von Velofahrenden seit Jahren klar geregelt: Mindestens 1.5 Meter Seitenabstand sind vorgeschrieben. Wenn möglich, müssen Autofahrende sogar vollständig auf die Gegenfahrbahn wechseln, um zu überholen. Keine Empfehlung notabene, sondern eine Verkehrsregel.
Wer dort mit dem Velo unterwegs ist, merkt den frapanten Unterschied. Viele Autofahrende holen bewusst weiter aus, warten einen Moment länger oder bremsen ab, bevor sie vorbeiziehen. Und natürlich gibt es Ausnahmen, aber insgesamt ist das Bewusstsein spürbar höher. Und die klare Regel schafft Klarheit für alle Beteiligten: Unter 1.5 Meter wird nicht überholt, nie!
Für Radfahrende ein Gamechanger. Man fühlt sich weniger bedrängt, weil der Überholvorgang sichtbarer, weiter und planbarer abläuft. Das Gesetz allein schafft keine perfekten Verhältnisse, aber es es erhöht die Sicherheit der Velofahrenden massiv.
Regeln vs. Respekt
Doch Sicherheit beginnt nicht erst im Gesetzbuch. Sie entsteht dort, wo wir uns entscheiden, auf andere Menschen in unserem Umfeld Rücksicht zu nehmen. Dieser Anspruch gilt in alle Richtungen. Denn wer (schnell) auf dem Velo unterwegs ist, trägt ebenso Verantwortung gegenüber Fussgänger:innen, besonders auf Wegen, die für den motorisierten Verkehr gesperrt sind. Das heisst konkret: Vor dem Überholen das Tempo reduzieren, Abstand halten (min 1.50 Meter) beim Überholen. Wenn möglich Blickkontakt suchen oder sich mit Klingeln schon früh bemerkbar machen.
Abstand heisst Anstand, oder auch, seines Handlungsspielraums bewusst sein und respektvoll handeln. Vor allem oder gerade auf der Strasse. Damit die «Kampfzone» Strasse wieder zu einem Begegnungsort wird, für alle.